„Berliner Morgenpost“: Verantwortung endet nicht – Leitartikel von Gudrun Büscher zum …

BERLINER MORGENPOST

Berlin (ots)

Er sollte ein Tag des Innehaltens sein – der 27. Januar, Holocaust-Gedenktag. Es gibt Menschen, die die Erinnerung wachhalten und dem antisemitischen Wüten in diesen Tagen ein „Nie wieder“ entgegenhalten. Aber es gibt auch all jene, die glauben, die Verantwortung, die aus der Geschichte erwächst, abschütteln zu können – alles viel zu lange her. Drittes Reich, Holocaust – was habe ich damit zu tun?

Dieser Geschichtsvergessenheit und Gleichgültigkeit in Deutschland kraftvoll entgegenzutreten, wird in Zeiten des wachsenden Antisemitismus immer schwerer. Viele, nicht nur junge Menschen, wissen gar nicht, was am 27. Januar vor 79 Jahren passiert ist und warum ausgerechnet dieses Datum wichtig ist. Es ist der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee.

Erst seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland ein offizieller Gedenktag. Bundespräsident Roman Herzog erklärte damals: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Und sie müsse, so Herzog weiter, „jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken“.

Herzogs Worte sind heute wichtiger denn je. Wer hätte gedacht, dass jüdische Schulen und Synagogen einmal wie eine Festung bewacht werden müssen? Wer hätte es für möglich gehalten, dass sich Jüdinnen und Juden in Deutschland mancherorts nicht mehr sicher fühlen? Dass sie Angst haben, auf offener Straße Hebräisch zu sprechen, dass sie ihre Kippa unter einer Baseballkappe verstecken?

Es gibt eine Verantwortung, die niemals endet. Der Holocaust, die systematische, massenhafte, industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden in eigens dafür gebauten Todesfabriken, ist in seiner Monstrosität etwas so Unfassbares, dass sich nicht nur Vergleiche verbieten. Für Deutschland und die Deutschen und für alle, die es werden wollen, erwächst daraus kein Schuldkomplex, sondern die Pflicht, sich zu erinnern. „Nie wieder“ darf keine ritualisierte Floskel, kein leeres Versprechen sein.

Nur, wie schafft man das in einer komplexen, pluralistischen Gesellschaft? Holocaust-Überlebende, die in Schulen in ergreifenden und sehr persönlichen Worten über ihr Schicksal und das ihrer Familie berichten, waren in den vergangenen Jahren sehr wichtig. Sie konnten anschaulich erzählen, was es hieß, in Deutschland jüdisch zu sein. Menschen wie die Berlinerin Margot Friedländer. Sie hinterlassen bei den Jugendlichen, auch bei denen mit Migrationshintergrund, einen bleibenden Eindruck.

Doch diese Stimmen werden bald verstummt sein. Margot Friedländer ist 102 Jahre alt. Die Jewish Claims Conference geht davon aus, dass noch 14.200 Überlebende der Shoah in Deutschland leben. Deshalb müssen Schulen lernen, gegen Antisemitismus mit dem zu arbeiten, was diese Menschen hinterlassen haben: Tonbänder, Videos, Fotos, Tagebücher. Der Besuch von Holocaust-Gedenkstätten und Konzentrationslagern gehört – mit entsprechend pädagogischer Vor- und Nachbereitung – verpflichtend in den Lehrplan.

Kinder und Jugendliche erreicht man am besten dort, wo sie sich ständig aufhalten – in den sozialen Netzwerken. Über Plattformen wie Tiktok müssen sie auf leicht konsumierbare Weise an historische Themen herangeführt werden. Vor allem aber muss dort der Kampf gegen antisemitische Inhalte konsequent geführt werden. Dieser Kampf darf nicht verloren gehen.

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