Putins Truppen / Kommentar von Andreas Härtel zur Teilmobilmachung

Allgemeine Zeitung Mainz

Mainz (ots)

Es war zu erwarten. Die Ankündigung der Referenden in der Ostukraine und die gleichzeitige Verschärfung der Strafen für Deserteure hatten schon am Dienstag darauf hingedeutet, dass der Kreml eine Mobilmachung verkünden würde. Fraglich war der Zeitpunkt. Offensichtlich aber hat Wladimir Putin Grund zur Eile. Die Referenden waren ursprünglich zwar schon für September geplant, aber mit Beginn der erfolgreichen ukrainischen Offensive in den November verschoben worden, wie damals aus dem Kreml verlautete. Nun kehrt man ungefähr zum ursprünglichen Zeitplan zurück – in der Hoffnung, dem Gegner damit in den umkämpften Gebieten zuvorzukommen. Das Ziel ist klar: Nach den Pseudo-Referenden werden die Regionen im Osten der Ukraine zu russischem Staatsgebiet erklärt – und jeder Angriff auf Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja zu einem Angriff auf Russland. Und schließlich werden die ukrainischen Truppen als Invasoren diffamiert, obwohl sie nur Teile ihres Staatsgebiets verteidigen und versuchen, dort weiter in die Offensive zu kommen. Das hat Folgen auch für den Westen: Er kann wegen seiner Waffenlieferungen an die ukrainische Armee in der Kreml-Propaganda ebenso zum Aggressor und Kriegsgegner erklärt werden. Was daraus dann alles folgen kann, ist unklar. An die wiederholten Drohungen mit Nuklearschlägen hat man sich ja fast schon gewöhnt. Wie ernst man sie nehmen muss, weiß nur Putin. Wahrscheinlich ist der Einsatz von Atomwaffen dennoch nicht, wegen der drohenden massiven Vergeltung. Mit der Teilmobilmachung baut der Kremlchef aber auch schon eine nicht zu vernachlässigende Drohkulisse auf. 300.000 Reservisten sollen eingezogen werden: Das ist eine ganze Menge an, wie es Putin sieht, Menschenmaterial, das der Aggressor in die Schlacht werfen kann. Fragt sich allerdings, wann. Denn die Soldaten sollen erst noch trainiert werden. Und offensichtlich mangelt es den Kreml-Truppen in der Ukraine ja auch an modernem Kriegsgerät, und Soldaten allein können das nicht ausgleichen. So soll die Mobilmachung zwar Stärke demonstrieren. Aber sie kommt tatsächlich auch dem Eingeständnis gleich, dass Russland mit seiner bisherigen Strategie gescheitert ist. Ist Putin hinter den Mauern des Kreml unter Druck geraten? Innenpolitisch geht er mit der Entscheidung zur Teilmobilmachung jedenfalls ein überraschend hohes Risiko ein, das er bisher tunlichst zu vermeiden suchte: Aus der sogenannten Spezialoperation wird nun auch in der russischen Innensicht ein echter Krieg. Und mit der Einziehung von Soldaten, womöglich aus dem ganzen Land, rückt dieser Krieg für viele Familien in ganz große Nähe. Viele Menschen werden um das Leben ihrer Liebsten bangen müssen. Deshalb dürfte der Schritt kaum dazu führen, dass die zuletzt überraschend laute Kritik an Putins Angriffskrieg im weiten Land leiser wird. Zufrieden stellt Putin aber wohl fürs Erste die Hardliner und Nationalisten, die im Zuge der ukrainischen Offensive schon nach viel mehr Gewalt gerufen hatten. Jetzt braucht Putin Erfolge. Er wird sie anstreben – hoffentlich nicht auf Teufel komm raus.

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