Stotternde Verkehrswende – Kommentar von Jens Anker

BERLINER MORGENPOST

Berlin (ots)

Die Mobilitätswende ist ein zähes Geschäft. Nach sieben Jahrzehnten, in denen die Stadt vor allem im Hinblick auf den motorisierten Individualverkehr geplant wurde, stehen die Zeichen auf einen Paradigmenwechsel. Aber so einfach ist es nicht.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen sich in ihr eigenes Auto setzen, ist offenbar tief verwurzelt. Anders lässt sich kaum erklären, dass die Zahl der Fahrzeuge in der Stadt ständig steigt – in diesem Jahr auf den Rekordwert von 1,5 Millionen.

Prognosen gehen davon aus, dass es bald 1,9 Millionen sein werden. Ein großer Teil davon entfällt zwar auf den Lieferverkehr, der seit Jahren durch den Boom des Online-Handels ansteigt. Aber noch ist kein Trend zu erkennen, dass mehr Menschen tatsächlich vom Auto auf andere Angebote umsteigen.

Für die vom Senat seit fünf Jahren in Angriff genommene Verkehrswende bedeutet das: Es wird weiter viel Kraft, Mühen und auch Streit kosten, hier einen nennenswerten Effekt zu erzielen. Aber anders wird es nicht gehen.

Schon jetzt herrscht auf einigen Straßen, wie der Leipziger Straße in Mitte oder dem Stadtring rund um den Funkturm, Dauer-Stop-and-Go. Bei weiter steigenden Zulassungszahlen und gleichzeitiger Neuaufteilung des Straßenlandes führt das zwangsläufig in den Verkehrskollaps.

Tatsächlich mehren sich die Hinweise darauf, dass zwar viele Menschen noch ein eigenes Auto besitzen, es aber immer seltener nutzen. Der Erfolg des 9-Euro-Tickets ist so ein Indiz dafür. Möglicherweise braucht es nicht mehr allzu lange, bis die Leute bei einem ähnlich attraktiven Angebot künftig ganz auf das eigene Gefährt verzichten. Die Mobilitätswende kommt schleichend. Aber sie kommt.

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