Vertrauensverlust, Kommentar zum Euro von Christopher Kalbhenn

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Frankfurt (ots)

Am späten Dienstagvormittag war es so weit: Das Re­finitiv-Terminal zeigte einen Tiefstkurs des Euro von 1,0001 Dollar sowie einen Geldkurs (von Kaufwilligen gebotener Kurs) von 0,9999 Dollar an. Damit hat die Gemeinschaftswährung erstmals seit rund 20 Jahren die Parität zum Greenback erreicht. Im Vergleich zu seinem Jahreshoch vom 12. Februar hat der Euro mittlerweile 13 Prozent an Wert verloren und das Ende der Fahnenstange ist wohl noch nicht erreicht. Denn angesichts der starken Kräfte, die derzeit auf die Währung einwirken, bräuchte es jedenfalls viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Währung nun an der 1-Dollar-Marke abprallt und eine starke Gegenbewegung einlegt.

Zu nennen ist nicht zuletzt die markante transatlantische Differenz in puncto Geldpolitik und Zinsen. Das Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung und der über Erwarten robuste US-Stellenaufbau vom Juni haben aus Sicht des Marktes fast zur Gewissheit werden lassen, dass die amerikanische Zentralbank auf ihrer nächsten Sitzung erneut eine große Leitzinserhöhung um 75 Basispunkte (BP) beschließen wird, während von der EZB im Juli eine erste Anhebung um lediglich 25 BP erwartet wird.

Generell wird der Dollar wie während früherer Krisen von der sehr hohen Risikoaversion getrieben, auch gegenüber anderen Valuten als dem Euro zieht er an. Die europäische Währung ist zuletzt jedoch überdurchschnittlich stark unter Druck geraten, weil der Markt erhebliches weiteres Abwärtspotenzial vermutet. Hintergrund ist die Befürchtung, dass Russland die Gaszufuhr ganz einstellen könnte, was den Euroraum in eine schwere Wirtschaftskrise zu stürzen droht. Die Société Générale hat den Euro kürzlich sogar „unbuyable“, also unkaufbar, genannt, was an den chinesischen Aktienmarkt erinnert – der wegen der Regulierungskampagne gegen Internet-Unternehmen als „uninvestable“ bezeichnet wurde – und einen deutlichen Vertrauensverlust zeigt.

Was könnte die Talfahrt des Euro beenden oder abbremsen? Zunächst einmal die Wiederaufnahme der Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1 nach Abschluss ihrer Wartung. Noch wichtiger wäre ein deutliches Signal der EZB, die auch ein Interesse daran haben müsste, der inflationären Wirkung einer weiteren Abwertung des Euro etwas entgegenzusetzen. Würde sie auf ihrer kommenden Sitzung über ihren Schatten springen und nicht kleckern, sondern eine Zinserhöhung um 50 BP beschließen, könnte dies den Vertrauensverlust des Marktes in den Euro stoppen.

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