Von gestern / Kommentar von Jens Kleindienst zur Atomenergie

Allgemeine Zeitung Mainz

Mainz (ots)

Jede Kilowattstunde zählt, wird Robert Habeck nicht müde zu erklären, wenn es ums Energiesparen für den Winter geht. Folgt er diesem Mantra auch bei der Frage, ob man drei Atomkraftwerke ein paar Monate länger am Netz lassen sollte, müsste die Antwort eigentlich klar sein. Wenn jede eingesparte Kilowattstunde hilft, ist auch jede Megawattstunde Atomstrom extra ein Beitrag zur Versorgungssicherheit. Doch so einfach ist es nicht. Am Beginn steht die Frage, ob es überhaupt so knapp werden kann mit dem Strom im Winter. Erst wenn das mit einem Ja beantwortet werden muss, kommen die drei Meiler ins Spiel. Und selbst wenn es so wäre, würde ihr Beitrag überschaubar ausfallen. Es geht ja vor allem darum, Gas einzusparen. Ein Prozent des Jahresverbrauchs könnte ein sogenannter Streckbetrieb der drei Meiler wohl kompensieren. Das ist sehr wenig im Vergleich zu den 20 Prozent, die ohnehin eingespart werden sollen. Dem stünden technisch-personelle Fragen und juristische Herausforderungen gegenüber: Wie viel Energie steckt noch in den Brennstäben? Welches Personal fährt die Anlagen nach dem 1. Januar sicher? Klappt die notwendige Änderung der Gesetze und Verordnungen rechtzeitig? Hinzu kommen die politischen Kosten und Risiken. Über den Atomausstieg ist in Deutschland über Jahrzehnte erbittert gestritten worden, mit dem Ausstiegsbeschluss 2011 war die Sache endlich entschieden. Ist die Not groß genug, um daran zu rühren? Es ist zu befürchten, dass jene, denen der Ausstieg nie gepasst hat oder die ihn nicht mehr für opportun halten, eine kleine Laufzeitverlängerung zum Anlass nehmen, das Fass noch einmal aufzumachen. Beispielhaft steht dafür der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Er trommelt seit Wochen für einen längeren Weiterbetrieb von Isar 2, mit neuen Brennstäben und allem Pipapo. Dabei war es Söder, der sich stets damit brüstete, er sei in den Reihen der Union der radikalste Aussteiger nach Fukushima gewesen. Jetzt will er seine Versäumnisse bei der Energiewende ausbügeln – Atomstrom statt Windstrom, der in Bayern seit Jahren blockiert wird. Die Atomkraft ist eine Großtechnologie von gestern, sie ist keine Alternative zum Umstieg auf Erneuerbare, dagegen sprechen ihre enormen Kosten, die ewig langen Planungs- und Bauzeiten, von den ungelösten Fragen rund um Sicherheit und Entsorgung ganz zu schweigen. Insofern muss die Bundesregierung sehr genau überlegen, ob sie die Büchse der Pandora öffnen will. Dafür müsste es schon sehr schlecht um die Versorgungssicherheit im Winter stehen.

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