Zig gute Gründe, Kommentar zur Leitzinserhöhung von Detlef Fechtner

Börsen-Zeitung

Frankfurt (ots)

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich zur größten Zinserhöhung ihrer Geschichte durchgerungen. Und das ist gut so. Denn eine Anhebung um 75 Basispunkte sendet zwei entscheidende Signale: Entschlossenheit. Und Geschlossenheit.

Natürlich, es gibt unter nationalen Gouverneuren nach wie vor unterschiedliche Bewertungen von Inflationsrisiko, Wirtschaftsaussichten und damit einhergehend der Höhe von Zinsschritten, die angeraten sind. Aber: Das Ergebnis der aktuellen Sitzung zeigt, dass es der EZB-Rat schafft, sich trotzdem auf eine klare Positionierung – und 75 Basispunkte sind eine klare Ansage – zu verständigen. Das zeigt ein wesentlich höheres Maß an Geschlossenheit als in der Vergangenheit. Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass der EZB-Rat tief und unversöhnlich gespalten wirkte.

Die in die Höhe geschossene Teuerungsrate von zuletzt mehr als 9 % hat – und das bestätigen die, die nah dran sind – die Gefechtslage im EZB-Rat verändert. Die Vermutung, Europas Süden kämpfe stets und ständig gegen jede Zinsstraffung, ist falsch in Zeiten, in denen nicht nur die Bundesbürger über den Preisschub ächzen, sondern auch Italiener, Griechen und Spanier. In diesen Ländern liegt die Inflation übrigens derzeit noch höher als in Deutschland.

Für eine Zinserhöhung um 75 Basispunkte gibt es zig gute Gründe. Erstens: Das war das angemessene Signal an Verbraucher im Sinne von „Ihr könnt uns vertrauen, dass wir dem Preisauftrieb gegensteuern“ und an die Tarifpartner nach dem Motto „Wir tun unseren Teil, tut Ihr bitte auch Euren Teil, damit die Preise nicht aus dem Ruder laufen“.

Zweitens: Auch wenn mittelfristig der Preisdruck wieder etwas nachlassen dürfte, so zeigt der kurzfristige Trend aufwärts. Eine Euro-Inflationsrate von 10 % ist keine Schwarzmalerei, sondern durchaus realistisch.

Drittens: Eine beherzte Erhöhung war angezeigt, weil ein Trippelschritt von 50 oder gar nur 25 Ticks den Euro-Wechselkurs noch tiefer unter die Parität gedrückt hätte – was wiederum die Teuerung über den Umweg „importierter Inflation“ zusätzlich befeuert hätte.

Viertens war es sinnvoll, zu klotzen statt zu kleckern, weil die Volkswirtschaften Europas eine hohe Zinsdosis derzeit noch verkraften können. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Unternehmen sind bislang in robuster Verfassung und die Banken belastbarer als vor der Finanzmarktkrise – 2010, so hieß es neulich in EZB-Kreisen, war deutlich prekärer.

Das bedeutet zwar keineswegs zwingend, dass alle krisenfest durch den Winter kommen werden. Aber immerhin gehen sie recht gestärkt den schwierigen Zeiten entgegen. Zudem haben die nationalen Regierungen bisher noch Möglichkeiten, um finanzpolitisch zu flankieren.

Eine zentrale Frage ist nun, wie es geldpolitisch weitergehen wird. Die EZB war clever genug, weitere Zinserhöhungsfantasie zu erhalten. Es gab die Ankündigung, wahrscheinlich nachzulegen. EZB-Chefin Christine Lagarde schloss explizit nicht einmal aus, dass noch einmal 75 Basispunkte aufgelegt werden. Mit ihrer Bekräftigung, auf Sicht zu fahren – „abhängig von der Datenlage von Sitzung zu Sitzung“ -, hat die EZB recht getan. Denn in Zeiten extremer Unsicherheit wie aktuell ist es wichtig, sich Spielraum zu erhalten.

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